Wenn Trauer nicht leichter wird
„Stimmt etwas nicht mit mir?" Diese Frage stellen mir Menschen oft ca. zwei Jahre nach dem Tod eines Partners. Erfahre, worin sich anhaltende, komplizierte Trauer von einer sich wandelnden Trauer unterscheidet und woran du erkennst, dass zusätzliche Unterstützung sinnvoll wäre.
Mirjam Hertog
7/30/20262 min read
Wenn Trauer nicht leichter wird
Ein Trauernder kam zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau zu mir und fragte gleich zu Beginn: „Stimmt etwas nicht mit mir, weil es mir immer noch so schwerfällt?“ Diese Frage begegnet mir oft, meist verbunden mit einem Gefühl von Scham, als gäbe es einen Zeitplan, den man verpasst hat. Dabei ist eine der wichtigsten Erkenntnisse aus meiner Arbeit: Trauer hat kein Ablaufdatum. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen einer Trauer, die sich mit der Zeit wandelt, und einer, die über Jahre hinweg unverändert das ganze Leben bestimmt.
Trauer verändert sich normalerweise - auch ohne dass sie „vergeht“
Bei den meisten Menschen, die ich begleite, verändert sich die Trauer im Laufe der Zeit in ihrer Form, auch wenn sie nie vollständig verschwindet. Die akute Verzweiflung der ersten Wochen weicht meist einer Trauer, die sich in den Alltag einfügen lässt. Sie ist immer noch da, aber nicht mehr jeder Moment wird von ihr beherrscht. Du kannst wieder lachen, ohne dich schuldig zu fühlen, kannst neue Pläne schmieden, ohne den verstorbenen Menschen zu verraten.
Bei einem kleineren Teil der Menschen bleibt die Trauer jedoch über Jahre in einer Intensität bestehen, die dem Anfang gleicht. Dann handelt es sich oft um eine anhaltende, komplizierte Trauer, wie sie in der Fachsprache genannt wird.
Kennzeichen können sein:
eine tiefe Sehnsucht, die sich auch über Jahre nicht wandelt
das Gefühl, das eigene Leben habe keinen Sinn mehr
eine starke Vermeidung von allem, was an den Verlust erinnert
Woran ich erkenne, dass mehr Unterstützung sinnvoll ist
In meiner Arbeit achte ich auf bestimmte Signale:
wenn jemand über Jahre hinweg den Alltag nicht mehr bewältigen kann
wenn soziale Kontakte fast vollständig abgebrochen wurden
wenn der Gedanke an die verstorbene Person nicht mit Trauer, sondern mit anhaltender Verzweiflung verbunden ist, die sich nicht wandelt
Ich sage dann sehr direkt: Das ist kein Versagen, sondern ein Zeichen dafür, wie tief dieser Verlust in dein Leben eingegriffen hat. Genauso wie eine schwere körperliche Verletzung manchmal mehr braucht als Zeit allein, kann auch eine seelische Verletzung mehr Unterstützung brauchen, als eine Begleitung allein leisten kann.
Der Unterschied zwischen Begleitung und Therapie
Als Trauerbegleiterin arbeite ich mit Menschen, deren Trauerprozess sich im normalen, wenn auch schmerzhaften Rahmen bewegt. Wenn sich jedoch Anzeichen einer anhaltenden komplizierten Trauer zeigen, verweise ich bewusst an Fachärzt:innen oder Psychotherapeut:innen weiter. Dies liegt nicht daran, weil die Begleitung „versagt“ hätte, sondern weil manche Formen von Leid eine andere Art der Unterstützung brauchen.
Eine Erlaubnis, die ich oft ausspreche
Falls du dich fragst, ob deine Trauer „zu lange“ dauert: Es gibt keine allgemeingültige Frist. Aber wenn du merkst, dass sich über Jahre nichts wandelt oder du dich zunehmend isolierst, ist das kein Grund zur Scham, sondern ein guter Grund, dir zusätzliche Unterstützung zu holen.
Trauer braucht Zeit - aber manchmal braucht sie auch mehr als Zeit allein. Zu erkennen, wann dieser Punkt erreicht ist, und sich dann Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt der Fürsorge für dich selbst. Ich begleite dich gerne dabei, diesen Weg einzuschätzen - in Bocholt oder online.
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